Fund des Falkenskelettes

Um die Frage nach dem Laufniveau im Bereich des Innenhofes der Zitadelle genauer zu untersuchen, wurde dort im Hofbereich ein Schnitt angelegt, dessen Pflasterung jedoch Störungen aufwiesen, denen wir durch eine Ausgrabung nachgingen und schließlich den Brunnen entdeckten. Im oberen Bereich der Störung lag ein nahezu vollständiges Vogelskelett, mehrere Gefäßfragmente sowie Granitsteinbrocken.

Die Anordnung und Lage dieser Fundstücke wies auf eine bewusste Niederlegung vielleicht im rituellen Kontext hin, eine Annahme, die auch durch die genauere Untersuchung des Vogelskelettes untermauert werden konnte. Wissenschaftler des Museums König in Bonn/Deutschland stellten fest, dass wir große Teile des Skeletts eines Gerfalken gefunden hatten, eine in der Mongolei nicht-endemische Falkenart. Dem Kadaver des Falken fehlten die Flügel einschließlich der primären und sekundären Flugfedern, der Schwanz und die Krallenfüße. Einige der Rippenknochen weisen Anzeichen älterer, verheilter Brüche mit gut sichtbaren Knochenschwielen auf. Diese Knochenbrüche hätten unter Bedingungen in der freien Wildbahn nicht heilen können. Die verheilten Brüche einiger Wirbelrippe des Falken deuten auf eine schwere, aber nicht tödliche Verletzung des Brustkorbs hin, die in Gefangenschaft wahrscheinlich eine längere Erholungszeit erfordert hätte. Diese Verletzungen können durch einen Zusammenstoß oder eine gewaltsame Begegnung mit einem anderen Greifvogel oder Säugetier entstanden sein. Sicher ist, dass sich der Vogel während der Abheilung der Verletzungen nicht ausreichend bewegen konnte und jagdunfähig war. Gleichzeitig weist die noch sichtbare Abheilung der Knochen darauf hin, dass der verletzte Greifvogel in Gefangenschaft gesund gepflegt wurde.

Auslesen und Analysieren der Funde

Da die verheilten Rippenbrüche offensichtlich nicht die Todesursache des Karabalgasun-Falken waren, ist es wahrscheinlich, dass die Genesung unter menschlicher Obhut stattfand, d.h. der Vogel in Gefangenschaft gehalten (und gefüttert) wurde. Es ist bekannt, dass die Nomadenvölker über ein komplexes Wissen über die Haltung und Pflege von Raubvögeln vor allem im Kontext der Falknerei hatten. Zugleich waren diese Vögel auch ein angesehenes Symbol für Status und Reichtum, so dass wir davon ausgehen, dass der Gerfalke von Karabalgasun als Handelsware oder Geschenk eines benachbarten Herrschers aus den nördlichen Regionen nach Karabalgasun gelangt und dort vermutlich zu Jagdzwecken gehalten worden war. Das durch die Radiokarbonmethode ermittelte Alter der Knochen verweist in die protomongolische Kitan-Zeit, wodurch wir zugleich den Hinweis erhalten, dass die Ruinen der alten uighurischen Hauptstadt auch noch ca. 100 Jahre nach ihrer Zerstörung noch eine Bedeutung hatten.

Weitere Tierknochen

Neben dem Skelett des Falken wurden bei der Erforschung der Zitadelle auch zahlreiche andere Tierknochen ausgegraben, die uns Hinweise auf die Ernährungsgewohnheiten der Uighuren und die Nutzung von Tieren im uighurischen Reich geben. Auf Grundlage der Untersuchung können wir sagen, dass vor allem Schafe und Ziegen häufig genutzt wurden, gefolgt von Pferden und schließlich Rindern. Durch Schlachtspuren, die noch auf den Tierknochen erkennbar waren, lässt sich auch sagen, in welchem Alter die Tiere genau geschlachtet wurden. Grundsätzlich scheint die uighurische Elite trotz der Übernahme des Manichäismus, eine Religion, die eigentlich den Verzicht auf Fleisch beinhaltet, auch in der Ernährung eng mit der steppennomadischen Tradition verhaftet geblieben zu sein.