Bild, das die Grabung zeigt
Grabung im Bereich des Osttores von Erdene Zuu © H. Wittersheim

Die Grabung an den Mauern und Toren von Erdene Zuu

Mit der Auffindung des Pavillons des Aufstiegs der Yuan war allerdings eine andere Frage wieder offen: Wo befand sich der ebenfalls in Chroniken, Berichten und der Inschrift erwähnte Palast des Ögedei Khan?

In den Kampagnen der Jahre 2005 und 2006 verfolgte das Grabungsteam der Mongolischen Akademie der Wissenschaften und des Deutschen Archäologischen Institutes um Hans-Georg Hüttel auch diese Frage. Schon Wilhelm Radloff, der Ende des 19. Jahrhunderts die russische Orchon-Expedition geleitet hatte, war aufgefallen, dass die Umfassungsmauer des Klosters Erdene Zuu auf einem älteren Wall gegründet war. Dies ist noch heute deutlich daran zu erkennen, dass die Granitblöcke, die das Fundament der Mauer bilden, nicht auf ebene Erde gesetzt wurden, sondern mit ihren unterschiedlichen Höhen dem Verlauf des älteren Walles folgen. Radloff vermutete daher, dass der Palast wohl innerhalb dieses Walles auf dem Gelände des heutigen Klosters Erdene Zuu zu suchen sei. Die Archäologinnen und Archäologen der Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition überprüften diese Theorie, indem sie an allen vier Seiten der Klostermauer sowie im Bereich des Osttores Grabungsschnitte anlegten. Und tatsächlich: Unter den Fundamenten der Klostermauer fanden sie die Reste einer weiteren Stampflehmmauer, die mit Ziegeln verblendet war. Unter dem Osttor fanden sich die Reste einer älteren Toranlage. Beides ist in das 13. bis 14. Jahrhundert zu datieren und somit in die Zeit der altmongolischen Hauptstadt Karakorum.

Panorama von Erdene Zuu

Die Palastbeschreibung von Wilhelm von Rubruk

Nach der Beschreibung Rubruks lag der Palast nahe bei der Stadtmauer, war aber mit einer eigenen Mauer aus Ziegeln umgeben. Diese Merkmale finden sich auf dem Areal des Klosters Erdene Zuu. Der Palast des Ögedei Khan und seiner Nachfolger könnte sich also hier befunden haben. Dies bedeutet zugleich, dass die Stadt Karakorum in ihrem Grundriss den Regeln eines Feldlagers der Mongolen folgte. Die Jurte des Khans wurde stets ganz im Süden aufgestellt. Die Unterkünfte seiner Gefolgsleute befanden sich zur Rechten und zur Linken sowie hinter der herrscherlichen Residenz. Genau dieses Prinzip wurde auch in Karakorum umgesetzt: Der Palast befindet sich südlich der Stadtanlage, die sich nach mongolischer Sichtweise hinter dem Palast befindet. 

Wie genau der Palast ausgesehen hat, ist unbekannt. Er wurde bislang nicht näher archäologisch untersucht. Einen Hinweis geben die verschiedenen Darstellungen in zeitgenössischen Schriftquellen. So beschreibt Juvaini die Gestaltung des Palastes als weitläufigen Garten oberhalb der Stadt, der von einer großen Mauer und vier Toren umgeben war. In der Mitte des Gartens erbauten chinesische Handwerker einen Palast mit Thronsaal, in dem der erhöhte und von vier Seiten zugängliche Thron errichtet wurde. Umgeben war das Palastgebäude von weiteren Häusern, in denen die Angehörigen des Herrschers verweilten.

Rubruk wiederum erwähnt in seiner Beschreibung der Stadt eine große Residenz, in deren Eingangsbereich ein aus Silber gefertigter Baum mit reicher Verzierung als Schankanlage für fünf verschiedene Getränke diente. Der Palast selbst war nach seiner Beschreibung dreischiffig mit drei Portalen gen Süden. Im Inneren befand sich der Thron des Herrschers an der Nordseite, während die Frauen des Hofes an der Ostseite und die Männer an der Westseite platziert waren. Diese räumliche Anordnung entspricht derjenigen, die auch heute in mongolischen Jurten üblich ist.