Steinschildkröte Karakorum Erdene Zuu
Die steinerne Schildkröte vor der Großen Halle in Karakorum bei Sonnenuntergang. © H. Wittersheim / DAI

Die Schildkröte und die Inschriftenstele von Karakorum

Auf dem Platz vor der Großen Halle steht eine alte steinerne Schildkröte, die bis heute von Menschen mit bunten Gebetsschals geschmückt und mit Airag besprengt wird, um Segen zu erbitten.

Bedeutung und Funktion der Schildkröte

Überlebensgroße Schildkröten aus Granit finden sich in der Mongolei an verschiedenen Stellen, so zum Beispiel schon bei den alttürkischen Grabmälern von Khöshöö Tsaidam. Möglicherweise wurde dieses Motiv aus China entlehnt, wo solche Steinschildkröten ein üblicher Teil hochrangiger Grabanlagen sind. Das Motiv der Schildkröte als Symbol für Ewigkeit und die Schöpfung der Welt ist in großen Teilen Asiens verbreitet, darunter in Tibet und Indien. Bei den Nomaden sind solche Vorstellungen in alter Zeit nicht unmittelbar nachzuweisen. Sie könnten sowohl ein Allgemeingut als auch auf  Kontakte mit China zurückzuführen sein. Im Buddhismus wird die Schildkröte mit Geduld, Weisheit, Langlebigkeit und Ausdauer assoziiert. Vor allem in den Lehren zu Achtsamkeit, die Seltenheit der menschlichen Wiedergeburt und die Kultivierung des inneren Friedens ist sie vertreten. Auch als Beschützer, Wächter und für ihre Geduld und Weisheit werden Schildkröten im Buddhismus verehrt. In der Mongolei gilt sie sogar als heilig.

Die Inschrift von 1346

Im Rückenpanzer der Granitschildkröten in der Mongolei finden sich eckige Aussparungen zum Einsetzen von Inschriftenstelen. Die antiken Stelen sind heute jedoch meist nicht erhalten bzw. fragmentiert auf dem jeweiligen Gelände zu finden. So auch die Stele der Schildkröte von Karakorum. Diese steht bis heute vor den Überresten des buddhistischen Tempels, dem „Pavillon des Aufstiegs der Yuan“ in der südwestlichen Ecke des Stadtgeländes.  Die Fragmente der Inschriftenstele fanden Forscher seit dem 19. Jahrhundert an verschiedenen Stellen auf dem Stadtgelände und auf dem Gelände des Klosters Erdene Zuu. Zum Teil waren sie in dessen Mauern verbaut.

Die Inschrift auf der Stele ist zweisprachig auf Mongolisch und Chinesisch und wurde über die Jahrzehnte von verschiedenen Linguisten untersucht und übersetzt. Demnach berichtet sie von der Gründung Karakorums durch Dschinghis Khan, von der Errichtung des Tempels ‘Pavillion des Aufstiegs der Yuan’ der sog. Großen Halle unter Möngke Khan und dessen späterer Renovierung, zu deren Anlass die Inschrift im Jahr 1346 gestiftet wurde.

Die Schildkröte von Karakorum wird bis heute mit Gebetsschals und Airag geschmückt und besprengt, um Segen von ihr zu erbitten. Damit auch nachfolgende Generationen diese Möglichkeit haben, wurde die Schildkröte inzwischen umzäunt, um einen zu hohen Andrang, der ihren Zerfall beschleunigen würde, zu regulieren.

Seit bald 680 Jahren steht diese steinerne Schildkröte nun an ihrem Platz und verfolgte von dort den Auf- und Niedergang, das Vergessen und Wiederentdecken und hoffentlich auch die Zukunft Karakorums.